Starlet.
Es ist Sonntag, halb 4 am Morgen, die Strecke die ich fahre ist dunkel und verlassen. Mir ist kalt. Kurz nur nehme ich die Hände vom Lenker um mir den Reißverschluss meiner Jacke bis unters Kinn zu ziehen. Es ist nichts zu hören, beinahe absolut still. Meine Liebe für die Nacht beschwichtigt mich mein Tempo trotz der Kälte etwas zu drosseln. Der Geruch des Leders meiner Jacke haucht dem Ganzen eine ruhige Atmosphäre ein. Mein Blick konzentriert sich entgegen meiner Wunschvorstellung des Sternenhimmels über mir auf den kleinen nur schwachen Lichtkegel der Lampe, die mir als tatsächlich einzige Lichtquelle den Weg nach Hause erleichtert. Zweige und Steine unterschiedlicher Größe durchfliegen diesen für mich erfassbaren Bereich, es bleibt kaum Zeit nachzudenken, über all das was mich ansonsten beschäftigt hätte. Meine Hände schließen sich um die kalten Griffe, Finger auf der Bremse habe ich trotzdem. Ich habe mir einmal angewöhnt hinten zu bremsen, warum weiß ich nicht mehr. Nun muss ich jedesmal wenn ich den kalten Eisenstrang der Bremsvorrichtung unter mir ziehen sehe darüber nachdenken, weshalb? Ich achte seit ich festgestellt habe wie viel man mit rechts und wie wenig nur mit links macht sehr darauf, und versuche meine linke Hand mitwirken zu lassen. Ich lächle, glaube das sie traurig wäre. Das habe ich mir abgeguckt. Der Wind kühlt meine Lippen ab, mein Gesicht, meine Hände. Doch ist der Weg wunderschön, denn was diese Nacht mit sich gebracht hat, war es. Ich senke den Kopf, Erinnerungen zwingen mich dazu den Kopf zu schütteln, vor lauter ungläubiger Freude bezüglich dieser Menschen. Freude über das was sie denken, sagen, darüber wie sich diese Gedanken auf ihr Gesicht zeichnen, und wie sie das was sie sagen aussprechen. Darüber was sie zum lachen bringt, und darüber was ich ohne sie machen würde. Ich fahre weiter. Als wir losgefahren sind sie zu treffen, dachte ich mir das dieses Treffen schnell vorübergehen würde. Schade, denke ich jetzt, dass ich Recht behielt. Aber die schönsten Momente scheinen immer schnell vorbeizugehen. Immer. Ich denke an dich. Ein Freund und Vorbild von mir schrieb einmal “Einige der besten Gespräche meines Lebens fanden zwischen Angel und Tür statt”. Die Wahrheit dieses Satzes wird mir bewusst, denn betrachtet man ihn einmal als großes Ganzes ist er um einiges tiefer als es zunächst den Anschein hat. Zwischen Angel und Tür, das heißt im Vorbeigehen, im fast flüchtigen Moment der Begegnung zweier Personen, die sich verstehen. Die schönsten Momente im Leben werden immer scheinbar schnell ihr Ende finden. Ich liege falsch, denn ein Ende finden sie nie. Die Atmosphäre des Moments, der Geruch in der Luft, die glücklichen Gesichter, die strahlenden Augen und die enorme Bedeutung von Alledem finden auf ewig ihren Weg in unser Herz. Erinnerungen die uns prägen und uns jedesmal wenn wir an sie denken das lächeln von damals aufs Gesicht zaubern. Erinnerungen die so stark sind das sie eine Kraft entwickeln, eine die zu diesem Moment zurückstrebt, die uns kurz in Gedanken versinken lässt. Uns die Szene noch einmal durchspielen lässt, so peinlich genau das es wie eine Aufnahme scheint, ein korrekter Mitschnitt. Ich fahre von dem Asphaltierten Weg auf einen unebeneren, gepflastert scheinbar. Wie oft bin ich diese Straße schon gefahren, jeder Zeitabschnitt meines Lebens war von diesem Dorf, diesen Straßen, Häusern, Wäldern begleitet worden. Von diesen Menschen. Menschen die scheinbar immer schon da waren, und welche die einfach so kamen, und blieben. Bei denen ich nach einem Gespräch wusste, das es halten würde. Bei denen ich nach einem Tag das Gefühl hatte sie ewig schon zu kennen. Menschen die so offen sind, so ehrlich und die für uns alle, jeder für sich, die Hand ins Feuer legen würden. Von diesen Menschen komme ich an diesem Morgen. Ich fahre unter dem trüben Schein einer Laterne die Sandauffahrt zu unserem Haus hoch. Hier habe ich gespielt, in jedem Alter war ich hier. Ich steige vom Fahrrad, streiche mit den Fingerspitzen am vorbeigehen über die Rinde des alten Apfelbaums. Hier in unserem Garten, der immer so groß war und trotzdem mit jedem mal das ich es bemerkte, kleiner geworden zu sein schien. Hier habe ich gelegen, hier habe ich aus Sand Burgen gebaut, schaukeln gelernt. Hier habe ich Schlachten mit Schneebällen bestritten, mit Stöcken. Hier habe ich geküsst. Hier, in diesem Garten, habe ich gefeiert, meine Geburtstage, die Einschulung, Konfirmation, und den Abschluss meiner Schulzeit. Hier habe ich gelacht, und geweint. Ich sehe mich um, ehrfürchtig, dieser Garten, dieses Haus, diese Menschen haben mich begleitet, haben mich groß werden sehen. Unendlich geduldig. Dankbar setze ich mich auf die Schaukel zwischen den beiden Apfelbäumen. Tagelang sind wir geklettert, haben wir geschaukelt. Ich schaue in den Himmel. Diese Menschen waren alle hier, manche früher, andere später. Sie haben hier mit mir geredet, wir haben zusammen gelacht, wir haben hier gelegen, und die Sterne beobachtet. All das mit diesen Menschen, diesen, meinen Freunden, die sich so spät erst gefunden und doch so sehr zusammengeschweißt hat. Ich lege mich an den Wall dieses Gartens, hier haben wir unsere ersten Schlittenfahrten erlebt. Meine Schwester und ich. Wir haben so viel durchmachen müssen, Verluste von Tieren, und die Trennung unserer Eltern. Hier haben wir gesessen, traurig, doch in dem Wissen das wir es schaffen würden. Hier unter den tausenden Sternen habe ich das Mädchen meiner kühnsten Träume geküsst, gewärmt, hier vielen die magischen Worte und hier liege ich jetzt und denke an all das. Mein Leben. Ich streiche über das Gras auf dem ich liege. Leicht feucht ist es. Die Sterne glitzern und funkeln, vergnügt, aufgeregt und beruhigend, ermutigend, so als wollten sie mir etwas sagen. Erst später an diesem Tag sollte ich erfahren warum dieses Gefühl mich beschlich. Ich konnte nicht ahnen das du mit ihnen sprichst, sie anweist auf mich aufzupassen und mir zu sagen wie unglaublich glücklich und verliebt du bist. Liebe meines Lebens, schreibe ich für dich in die Sterne, träum süß.
Ich lag lange im Garten an diesem Morgen. Ging mein Leben durch, meine schönsten und schlimmsten Erlebnisse und Erinnerungen. Erst als die Sonne den Tag am hintersten Rand des Horizonts ankündigte erhob ich mich. Das blass bläuliche und noch kaum wahrnehmbare, fast nur erahnte Schimmern der Stratosphäre. Ich gehe durch den Garten. Ich sollte schlafen. Blicke dann aber zögernd zurück. Dies ist ein solcher Moment. Von dem man sich wünscht er ginge noch nicht vorbei. Einen gerührten Hauch von Abschiedsschmerz in den Augen drehe ich mich um. Ich werde mich erinnern, denke ich. Und ich werde zu schreiben versuchen was ich an diesem Morgen fühlte. Ich weiß das sowas wie TheHorde und mein Starlet Ewigkeit bedeuten und freue mich mehr noch auf den nächsten, heutigen Tag. Meine Fingerspitzen streifen die Rinde des alten Baumes, wieder. Ich halte inne, wieder ist es vorüber, und wieder, werde ich zurückfinden, mein Leben hat gerade erst angefangen. Ich lächle, ein glückliches und doch etwas nachsehendes seufzen auf den Lippen.
Ich habe an diesem Morgen begriffen, wie die Zeit vergeht, und wie unendlich wertvoll sie ist, gerade jene, die wir nie wieder vergessen. So wie ich euch alle nie vergessen werde. Wie könnte ich.
Nur Momente die du nie vergisst
wenn es Liebe ist…

Man – da hast du echt eine längere Antwort verdient. Die wird etwas brauchen, aber ich werd versuchen, sie spätestens heute Abend zu schmieden ,)
Sehr gut aufgegriffen finde ich zuallererst deine Beschreibung des Rad fahrens an sich,
und wie man dabei in Gedanken abdriften kann. Insbesondere die erste Hälfte meines Zivildienstes,
die ich täglich, und durchaus auch bei Mistwetter, mit dem Rad 2 Stunden fuhr, erinnern mich daran.
Zivildienst – das war echt gut, und lässt eine Identifikation mit dem Text gut zu, für mich.
Hier wird der Vergänglichkeitsgedanke durch eine Behauptung besiegt.
.
Das finde ich grade Spannend, weil in meinen Augen alle Liebe ewigkeit will,
und für manche die Liebe durchaus eine Behauptung zu sein scheint.
Es ist für mich die Argumentation mit etwas, dass für viele eine Allgemeingültigkeit besitzt,
und sagt, egal wie schlecht es aussieht – manchmal einfach trotzdem
Mit diesen Stellen haste mich dann gekriegt.
Das rekapitulieren der eigenen Geschichte,
das Vergegenwärtigen der Größe, der Unwahrscheinlichkeit,
und damit des besonderen Glücks,
dass dann auch noch auf einen größeren Kontext von Menschen und Orten bezogen wird,
ist etwas, dass ich zumindest in dieser Form noch nicht hatte,
und dass durchaus Eindruck hinterließ. Es war damit Ausgangspunkt für diesen ein wenig längeren Kommentar,
und macht mich vllt. auch nochmal auf meiner Seite aktiv ,) .
Soweit danke für deine Mühen
*Hoffe, dass die quotes tun*
[...] der Böse curon hat mich irgendwie dazu angestoßen, glatt nochmal was hierzu zu schreiben. Achtung: Spät Abends [...]
Zwischen Tür und Angel « theMesh schrieb dies am September 29, 2009 um 11:24 nachmittags |
Hehe freue mich so sehr über Antworten
Und auch auf alles künftige
Vielen liebsten Dank dafür !!
Immer wieder richtig schön zu lesen von Deiner Dankbarkeit,Deiner Freude,der Tiefe Deiner Gedanken und Gefühle den Menschen,den Begebenheiten,dem Leben allgemein gegenüber und immer wieder dieser Kloss in meinem hals dabei ….